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Autor Thema: Der Brief einer Freundschaft....  (Gelesen 1303 mal)

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Offline Bianka

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Der Brief einer Freundschaft....
« am: 21. Mai 2014, 16:04:15 »
Ich finde diese Zeilen sehr bewegend!


Wir lernten uns bei der Geburt unserer Kinder kennen. Doch ihr Sohn kam behindert zur Welt. Was macht das aus einer Freundschaft? von Kafi Freitag

Sie saß mit ihrem Mann in der einen Ecke des Raums und ich mit meinem in der anderen. Zwischen uns stand eine Hebamme mit einer gestrickten Gebärmutter in der Hand, durch welche sie einen gestrickten Säugling presste. Wir beide lachten uns beinahe ein Kind darüber. Ein paar Wochen nach dem Geburtsvorbereitungskurs führten ein Missverständnis und eine übereifrige Hebamme dazu, dass ich die Erste war, die ihren Sohn direkt nach der Entbindung in den Armen hielt. Der verschrumpelte Kleine schaute mich mit wachen Augen an. Nur fünf Tage später kam dann mein eigener Sohn zur Welt.

Den darauf folgenden Sommer verbrachten wir mit unseren Buben gemeinsam im Park. Wir merkten schnell, dass uns mehr verbindet als die gleichaltrigen Babys – und so entstand eine Freundschaft, wie ich sie zuvor nicht gekannte habe.

Die Monate vergingen, und mein Sohn machte seine ersten Schritte, noch bevor er ein Jahr alt war. Die Nachmittage im Park wurden rastloser, die aneinanderhängenden Sätze kürzer. Während ich meinem Kind in alle Himmelsrichtungen hinterherspurten musste, lag das meiner Freundin noch immer gemütlich auf seiner Decke.
Der schwache Muskeltonus des Jungen war den Ärzten bereits früh aufgefallen, und darum besuchte ihn, seit seinem vierten Lebensmonat, wöchentlich eine Physiotherapeutin. Wenn die Schwiegermutter ihren Enkel hielt, pflegte sie zu sagen, ihr Sohn sei als Kind auch wie ein Sack voller Kartoffeln in ihren Armen gehangen. Was für jede andere Mutter kränkend gewesen wäre, gab meiner Freundin Hoffnung, dass sich mit ihrem Kind mit der Zeit alles normalisieren würde.

Doch im darauf folgenden Sommer konnte ihr Sohn noch immer nicht laufen. Meiner kletterte bereits allein auf die Rutschbahn. Intuitiv wusste meine Freundin zu diesem Zeitpunkt, dass mit ihrem Kind etwas anders war als mit meinem. Nur gesagt hat sie das nie.

Aber auch mein Sohn fiel aus der Norm. Während das Kind meiner Freundin schnell an Gewicht zulegte, wurde meines kein bisschen schwerer, sondern eher noch leichter. Als ich mit meinem Sohn zwischen übergewichtigen Erwachsenen im Wartezimmer einer Ernährungsberaterin saß, machte ich mir große Sorgen und auch Vorwürfe. Die Kinderärztin hatte mir ein Schreckensszenario ausgemalt, und ich sah mein Kind bereits im Kinderspital liegen, wo es künstlich ernährt werden müsste. Glücklicherweise kam es nicht so weit. Milchfläschchen, die mit Vollrahm und Kalorienpulver angereichert wurden, brachten die Lage unter Kontrolle.

Solche Sorgen aber kannte meine Freundin nicht. Ihr Kind war wohlgenährt, und darum war die Magen-Darm-Grippe, die sich ihr Kind einfing, auch nichts, was sie aus der Ruhe hätte bringen können. Sie versorgte ihren Sohn zu Hause, doch es wurde nicht besser, und nach ein paar Tagen überwies ihn der Arzt wegen einer akuten Dehydrierung ins Kinderkrankenhaus. Dort blieb er fast zwei Wochen, und als er wieder entlassen wurde, drückte man meiner Freundin einen Termin für eine MRI-Untersuchung in die Hand.

Der Kleine hatte während seines Aufenthalts im Krankenhaus keine Reflexe gezeigt, was einen ganzen Trupp von Neurologen auf den Plan gerufen hatte. Sie drängten meine Freundin zu einem Hirnscan.

Zu diesem Zeitpunkt war meine Freundin 25 Jahre alt und ihr Mann nur unwesentlich älter. Sie hatten sich dieses Kind gewünscht, ihr gemeinsamer Lebensplan war es gewesen, eine junge Familie mit mehreren Kindern zu sein. Nun aber lag ihr Erstgeborener, von Tabletten ruhiggestellt, in der Röhre und wurde Schicht für Schicht gescannt. Zum Vorschein kam eine kleine, vermutlich unbedeutende Narbe im Hirn. Es begann eine jahrelange medizinische Odyssee, die mehr Unsicherheit verbreitete, als dass sie Aufklärung brachte.

Wenn ich meine Freundin und ihren Sohn wieder mal ins Kinderspital begleitete, schnürte es auch mir das Herz ab. Die Kinderärztin hatte doch im Geburtsprotokoll »kräftiger und gesunder Junge« vermerkt! Und nun sollte plötzlich alles anders sein?

Dann aber brachte meine Freundin ihr zweites Kind, ebenfalls einen Jungen, zur Welt. Sie und ihr Mann wollten sich den Traum von einer Familie mit mehreren Kindern nicht zerstören lassen; vielleicht stand hinter dem Entschluss, ein zweites Kind zu zeugen, auch der Wunsch nach etwas »Normalität«. Dieses Kind entwickelte sich nach Plan, doch wenn meine Freundin sich über seine Fortschritte freute, so war diese Freude auch immer von Schmerz und Wehmut begleitet, weil der Kleine bald schon Dinge lernte, die sein knapp drei Jahre älterer, großer Bruder noch nicht konnte. Oder nie können würde.

Als unsere Kinder sich dem Eintritt in den Kindergarten näherten, machten sich mein Mann und ich Gedanken, ob wir in ein kinderfreundlicheres Quartier umziehen sollten. Meine Freundin und ihr Mann hingegen machten sich Sorgen, ob ihr Sohn sich – egal, wo – im Kindergarten würde behaupten können. Die Früherzieherin, die sie betreute, hatte ihnen unterdessen einen Termin in einem heilpädagogischen Kindergarten vermittelt, und ich kann mich noch gut an unser Telefongespräch erinnern, das wir kurz davor führten. Meine Freundin und ich waren überzeugt, dass ihr Sohn in einem Kindergarten für behinderte Kinder fehl am Platz sein würde. Doch die Unterredung mit der Kindergärtnerin lief in eine ganz andere Richtung. Die Frau hieß den Sohn meiner Freundin herzlich willkommen und zeigte sich überzeugt, dass er sehr gut zu den anderen Kindern passen und sich wohlfühlen würde. Was eigentlich freundliche Worte sein sollten, ließ in meiner Freundin eine Welt zusammenbrechen.

War ihr Kind also behindert?

Bis anhin hatte keiner der vielen Ärzte und Ärztinnen das Wort »behindert« in den Mund genommen, und meine Freundin hatte sich an dieses Unausgesprochene geklammert wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz. Als sie bei der nächsten Untersuchung im Spital eine junge Ärztin mit der Frage konfrontierte, wie diese ihren Sohn bezeichnen würde, wenn sie mit anderen Ärzten über ihn rede, stockte diese kurz und sagte dann: »Wir reden von einem Kind mit einer geistigen Behinderung.« Meine Freundin brach in Tränen aus, war aber gleichzeitig auch erleichtert, endlich etwas Gewissheit zu haben. Die Ärztin hatte die Wörter »geistige Behinderung« zwar zögerlich, aber mit einer Deutlichkeit ausgesprochen, die kaum mehr Platz für Interpretationen ließ. Ihr Kind war also nicht nur zu langsam in seiner Entwicklung, ihr Kind war behindert. Es war viereinhalb, als sie diesen Bescheid erhielt, mir gegenüber ging ihr das Wort »behindert« erst knapp zwei Jahre später über die Lippen. Unser Kontakt verlor sich in dieser Zeit etwas, weil sie mit ihrem Sohn bereits früh abends zu Hause sein musste, während wir mit einem Glas Prosecco in der Hand den Abend im Park bei einem Picknick ausklingen ließen. Ihr Kind war dem hektischen Stadtleben nicht gewachsen.

Wenn meine Freundin einen Nachmittag lang mit dem Sohn unter Leuten war, dann folgte darauf ein abendlicher Anfall. Er schrie, tobte. Das soziale Leben der jungen Eltern wurde immer ärmer. Wir machten mit unserem Sohn eine Reise nach Japan und Thailand, für meine Freundin bedeutete bereits die Fahrt im voll besetzten Linienbus eine Tortur.

Dass sie noch vor dem Kindergarteneintritt ihres Sohnes nur deshalb von Zürich weggezogen sei, weil sie es kaum verkraftete, nicht mehr am gesellschaftlichen Leben ihrer Freunde teilzuhaben, sagte sie mir erst Jahre später.

Heute besuchen unsere Kinder beide die zweite Klasse. Meiner rennt morgens mit dem Schulthek aus dem Haus, und ihrer wird vom Schulbus in die heilpädagogische Schule gefahren. Bei ihrem Kind wurde in der Zwischenzeit eine atypische Form von Autismus diagnostiziert. Sie weint vor Freude, wenn er nach einem Jahr, indem er nur bis vier zählen konnte, eines Morgens bis fünf zählt. Ich erwarte von meinem Kind, dass es endlich besser lesen lernt. Das Glücksgefühl, das sie erfährt, wenn ihr Kind einen kleinen Fortschritt macht, kenne ich nicht, und ebenso fehlt mir der Zugang zur anderen Sicht, die meine Freundin erfährt, wenn sie die Welt durch die Augen ihres Kindes zu sehen versucht.

Unsere Freundschaft hat gehalten und ist während der letzten zwei Jahre noch enger geworden. Wenn ich mit ihr zusammen ein Kinderheim anschauen gehe, in welchem ihr Kind künftig ab und an ein Wochenende verbringen könnte, dann ist es, als würde ich ein Heim für mein Kind besichtigen. Trotzdem kann ich nur erahnen, was es bedeuten muss, wenn eine Mutter ein Kind in diesem Alter loslassen muss, um mal ein normales Wochenende verbringen zu können. Während ich mit meinem Sohn jeweils am Samstagmorgen bespreche, was wir am Wochenende unternehmen könnten, um dann die ganze Planung wieder auf den Kopf zu stellen, weil wir spontan auf etwas anderes Lust haben, muss sie ihrem Sohn bereits am Vorabend mit Kärtchen den kommenden Tag auf die halbe Stunde genau auslegen.

Menschen mit Autismus fühlen sich sicherer, je enger ihre Strukturen sind, und eine spontane Abweichung kann zu einem Ausbruch führen, dem man als Eltern kaum gewachsen ist. Aber die Magie, die den Sohn meiner Freundin umgibt, wenn er in seinem Gleichgewicht ist und selbstvergessen spielt, habe ich bis heute bei keinem anderen Kind spüren können. Auch nicht bei meinem eigenen.

Quelle: http://www.zeit.de/2012/46/Freundinnen-Geburt-Kind-Behinderung
Mutter von 3 Autistischen Kindern


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Offline Melanie1976

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Re: Der Brief einer Freundschaft....
« Antwort #1 am: 21. Mai 2014, 19:18:01 »
Mit kleinen Abweichungen spiegelt es mein Leben mit Laura komplett wieder! Sehr berührend!

Offline selinas_mami

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Re: Der Brief einer Freundschaft....
« Antwort #2 am: 21. Mai 2014, 19:19:18 »
Schön und sehr berührend
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Offline Bianka

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Re: Der Brief einer Freundschaft....
« Antwort #3 am: 22. Mai 2014, 07:30:50 »
Ich fand den auch total bewegend und zeigt auch mal auf was für Spannungen in einer Freundschaft aufkommen können und wie unterschiedlich die Kinder sich entwickeln.
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Offline saskia8580

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Re: Der Brief einer Freundschaft....
« Antwort #4 am: 22. Mai 2014, 09:52:03 »
Was für ein Glück für die Mutter des autistischen Kindes eine Freundin zu haben, die sie so gut versteht.
Bei mir haben sich sämtliche sozialen Kontakte quasi gen null entwickelt...
"Der Große" geb. 2006, Frühgeburt 24. SSW, global entwicklungsverzögert
"Kleinchen" geb. 2009, frühkindlicher Autismus

Online Rena50

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Re: Der Brief einer Freundschaft....
« Antwort #5 am: 22. Mai 2014, 10:08:01 »
So ähnlich war es bei uns. Schön, wenn man dann eine solche Freundin hat.

 

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